»Ich will die Dinge anders machen als meine Vorgänger.«

Stefanie Arndt

Wie sind Sie zum Meer gekommen?
Für mich fühlt sich das Meer wie Heimat an. Meine Wurzeln liegen an der Ostsee, meine Eltern kommen beide von Rügen. Wenn ich an Bord eines Schiffes bin, umgeben von der Weite des Ozeans, ist das für mich erfüllend. Für viele ist das beängstigend, ich habe mehr Probleme, wenn ich in den Bergen bin und der Horizont fehlt. Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Mathe und Physik – das liegt vielleicht in der Familie, mein Vater war Physiker, meine Mutter war Mathe- und Physiklehrerin. Aber sie haben mich nie dahin gedrängt, im Gegenteil: Meine Mutter meinte immer, das sei viel zu schwer, armes Kind, tu das bloß nicht. Ich fand reine Physik aber ein bisschen zu nerdig und ging in die Meteorologie. Danach entdeckte ich das Eis für mich. 

Woher kommt Ihr Forschungsdrang?
Gerade in der Antarktis gibt es noch so viel zu entdecken. Bei meiner ersten Expedition habe ich zehn Wochen lang Wasserproben genommen, immer wieder die gleiche Messung, Tag für Tag. Das war spannend, aber am Ende wusste ich: Ich will mehr, ich will eigene Fragestellungen verfolgen.

Sie waren erst 22 auf Ihrer ersten Expedition.
Ich war jung, neugierig, aufgeregt, alles kam zusammen. Ich hatte all diese historischen Expeditionsbücher gelesen. Dann selbst in diese Welt einzutauchen, die ersten Eisberge zu sehen, das war krass.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag unterwegs aus?
Auf dem Schiff ist der Alltag sehr strukturiert, vor allem durch die Essenszeiten. Frühstück, Mittag, Abendessen, immer zur gleichen Zeit. Der Tag beginnt mit dem Wettermeeting, dann packen wir unsere Ausrüstung und fliegen mit dem Helikopter auf eine Eisscholle. Dort arbeiten wir je nach Bedingungen zwei bis fünf Stunden, bevor wir wieder eingesammelt werden. Zurück an Bord wird alles gewaschen, Daten gesichert, vorbereitet für den nächsten Tag.

Was genau erforschen Sie am antarktischen Meereis?
Die Welt wird wärmer, die Antarktis verändert sich. Aber wie genau? Mein Teil vom Puzzle ist die Schneeauflage auf dem Meereis. Der Schnee entscheidet, wie viel Sonnenstrahlung reflektiert oder vom Ozean aufgenommen wird. Ich untersuche, wie sich die Eigenschaften des Schnees im Jahresverlauf verändern und wie dies das Meereis beeinflusst. Dazu schaue ich mir die Kristalle mit der Lupe an, erkenne, ob sie zerfallen, vom Wind bearbeitet oder angeschmolzen sind. Manchmal kommen dabei Pinguine vorbei und beobachten mich.

Klingt nach einer schönen Tätigkeit.
Definitiv. Manche Schneekristalle finde ich ganz besonders schön. Da müssen sich dann auch alle im Team mit mir freuen, ob sie wollen oder nicht.

Was war Ihre größte wissenschaftliche Erkenntnis bisher?
Dass wir in der Antarktis seit 2015 eine starke Veränderung in der Ausdehnung des Meereises beobachten, aber sich die Dicke des Schnees und des Eises gar nicht verändert. Unsere Messungen zeigen keine großen Sprünge. Das zwingt uns, umzudenken: Welche Prozesse führen dazu, dass die Eisfläche kleiner wird, aber nicht dünner? Meine Forschung trägt dazu bei, diese Vorgänge besser zu verstehen.

Sie wurden mit 35 Jahren Professorin. Wie war es, sich als junge Frau durchzusetzen?
Es war und ist nicht leicht. Auf dem Schiff ist die Crew immer noch überwiegend männlich, in der Wissenschaft sind wir vielleicht ein Drittel Frauen. Als ich das erste Mal als Gruppenleiterin mitfuhr, musste ich mich hart beweisen, obwohl die Leute mich kannten. Ich musste zeigen, dass ich es wirklich kann. Das ist bei Männern oft nicht so. Auch im Alltag ist es eine Herausforderung, weil ich jung bin und eine Frau – da braucht es mehr Energie, um wahrgenommen zu werden.

Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, Ihre Erfolge würden Ihnen nicht zugetraut?
Ja, immer wieder wurde mir gesagt: Den Job oder das Projekt hast du nur bekommen, weil du eine Frau bist. Irgendwann habe ich das selbst geglaubt.

Welche Strategien haben Sie entwickelt?
Ich bin sehr zielstrebig. Schon im ersten Semester habe ich dem Polarstellenkoordinator geschrieben, dass ich in die Antarktis will. Er meinte, ich sei zu jung, solle mich in einem Jahr wieder melden. Das habe ich getan.

Heute sind Sie Professorin – fühlt sich das wie ein Ziel oder wie ein Anfang an?
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Weg wirklich gehen will. Mit 35 dachte ich, das sei Stillstand. Aber es ist kein Ende, sondern ein Anfang. Ich habe jetzt viel mehr Gestaltungsspielraum, kann lehren, große Projekte aufbauen, mich fachlich weiterentwickeln. Die Professur gibt mir Möglichkeiten, die ich vorher nicht hatte.

Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?
Öffentlichkeitsarbeit ist mir wichtig. Ich will zeigen, dass auch Mädchen Mathe und Physik cool finden können. Ich gebe Einblicke in den Forschungsalltag, erzähle von meinen Erfahrungen, zeige Praxisbeispiele. Das habe ich im Studium vermisst.

Warum gibt es immer noch so wenige Frauen in der Physik?
Das fängt schon in der Schule an. Viele Mathe- und Physiklehrer sind alte Männer, die einem das Gefühl geben, als Frau sei man fehl am Platz. Deshalb gehe ich viel in Schulen, mache Kinderprojekte, um früh zu zeigen: Das geht auch als Frau.

Was raten Sie jungen Frauen?
Tut es. Lasst euch nicht abhalten, bleibt neugierig, fragt nach. Redet miteinander, tauscht euch aus, auch über schwierige Themen wie Bezahlung oder Arbeitsbedingungen. Vieles wurde lange tabuisiert, zum Beispiel, wenn man auf Expedition seine Tage bekommt. Das wird erst jetzt langsam in Vorbereitungskursen thematisiert. Auch auf einer Eisscholle mal aufs Klo zu müssen, ist als Frau eine Herausforderung, so im Ganzkörperanzug ohne Deckung.

Wie lässt sich das verbessern?
Reden hilft. Ich habe lange mit Männern zusammengearbeitet, da waren viele Dinge nie Thema. Erst als ich Gruppenleiterin von Frauen wurde, habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, auch über scheinbar banale Dinge offen zu sprechen.

Prof. Stefanie Arndt, geboren 1988, ist Meereisphysikerin am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und Leiterin der Arbeitsgruppe Schnee am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg.