»Neugierde und Empathie sind Superkräfte.«
Antje Boetius
Wie sind Sie zum Meer gekommen?
Ganz romantisch. Als Kind war ich eine Leseratte, und ich habe am liebsten Bücher über den Ozean gelesen, Piratenromane, Jules Verne. Mein Großvater war Kapitän und hat immer aufregende Geschichten von der Seefahrt erzählt. Ich habe nicht viel Fernsehen geschaut, aber wenn, dann am liebsten die Expeditionen von Hans und Lotte Hass oder Jacques Cousteau. Ich liebte es, im Meer zu schwimmen und von den Wellen getragen zu werden.
Erinnern Sie sich an Ihre ersten Momente am Meer?
Als kleine Kinder sind wir mit meinen Eltern zum Zelten nach Dänemark gefahren. Dieser intensive Geruch nach Heide, Dünen und Tang, da bin ich bis heute noch geflasht, wenn ich zu unserer Außenstelle auf Sylt fahre, wo es genauso riecht. Ich bin in Frankfurt und Darmstadt groß geworden. Die lange Fahrt von dort an die Küste, das erste Mal die Düne hochlaufen und irgendwann wissen, da kommt der Horizont, da ist das Meer. Daran erinnere ich mich gut.
Hat sich dieses Gefühl verändert?
Überhaupt nicht. Das Meer ist zwar auch Arbeitsplatz geworden, aber nach wie vor ist die Begegnung etwas Besonderes. Dieser Moment, mit einem Forschungsschiff aus dem Hafen auszulaufen – das ist wirklich wunderschön.
Wie war Ihre erste Expedition?
Da war ich 1988 mit dem Forschungsschiff Poseidon auf der Nordsee. Es toste ein schrecklicher Sturm. Mir war so übel! Ich wollte mir aber nichts anmerken lassen. Ich habe gespuckt, weitergearbeitet, gespuckt, weitergearbeitet. Dann hat einer gesagt: Du bist ja ein toughes Mädchen. Irgendwann war die Seekrankheit dann aber auch weg.
Wie erklären Sie Ihre Arbeit jemandem, der keine Ahnung von Meeresforschung hat?
Da habe ich es eher leicht. Die meisten Menschen – egal ob Kinder oder Erwachsene – stellen sich meine Arbeit als Reise ins Unbekannte vor. Und genau das trifft es. Ich erforsche, wie Oberfläche und Tiefe miteinander verbunden sind. 70 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt, im Schnitt 3,8 Kilometer tief. Und wir wissen zu wenig über diesen riesigen Raum und all sein Leben. Warum gibt es diese enorme Vielfalt? Und warum sind die Tiere alle so bunt, wenn es doch kein Licht gibt?
Haben Sie eine Theorie?
Die Vielfalt ist vermutlich so hoch, weil der Lebensraum so alt und so riesig ist. Und ich glaube, es ist da unten einfach egal, wenn Tiere bunt eingefärbt sind. Farbe bleibt ohne Licht unsichtbar. An Land dagegen würde eine blaue Motte auf einem braunen Baum sofort gefressen.
Was war Ihre bedeutendste wissenschaftliche Entdeckung?
Methanfressende Mikroorganismen an Gasquellen am Meeresboden. Das ist meine am meisten zitierte Veröffentlichung. Es geht um eine Symbiose, eine Zusammenarbeit zwischen Mikroorganismen aus zwei Domänen des Lebens: Archaea und Bakterien. Sie kooperieren, um gemeinsam einen chemischen Prozess durchzuführen, den keiner von ihnen allein kann.
Warum ist das so wichtig?
Weil es zeigt, dass es unsichtbare Netzwerke des Lebens im Meer gibt, die die Stoffkreisläufe unserer Erde zusammenhalten. Es ist spannend, wieviel wir bei Einzellern noch zu entdecken haben. Sie machen die Erde überhaupt erst bewohnbar.
Wie war das für Sie, als Frau in der Wissenschaft anzufangen?
Ich hatte nie das Gefühl, dass mein Geschlecht da entscheidend ist. Es gab ja damals schon einige erfolgreiche Frauen in der Meeresbiologie und auch auf Expedition, wie Lotte Hass, die Frau des Zoologen und Dokumentarfilmers Hans Hass, die mit den Haien schwamm und durch das Riff tauchte. Auch in meiner Familie hat nie jemand gesagt: Das kannst du doch gar nicht werden als Frau.
Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Rolle als Frau sehr gespürt haben?
Es kam schon noch vor, dass ich die einzige Frau im Raum war. Minderheit zu sein ist natürlich spürbar. Ich glaube, mein Rekord war eins zu fünfhundert – bei der Eröffnung einer japanischen Universität. Auch heute passiert mir das berühmte Mansplaining noch manchmal, dass ich von Kollegen Dinge erklärt bekomme, bei denen ich eigentlich Expertin bin. Ich versuche dann darüber zu scherzen.
Haben Sie je ans Aufgeben gedacht?
Nein. Kämpfen musste ich aber in meinem Berufsleben schon. Um Schiffe, um Forschungsgelder, bei Expeditionen mit Schlechtwetter, wenn Ausrüstung kaputt war und Geräte unten am Meeresboden stehen blieben. Es gab schon kritische Momente, aber Aufgeben war nie die beste Option.
Was möchten Sie mit Ihrer Forschung noch erreichen?
Ich würde gern noch viel über die Netzwerke des Lebens im Meer erfahren, zum Beispiel von der mikrobiellen Zersetzung von Kohlenwasserstoffen bis hin zu neuen Formen der Zusammenarbeit mit Meerestieren. Mich fasziniert zudem die Vielfalt von Landschaften in der Tiefsee, und wie wir durch neue Entdeckungen zu besserem Schutz kommen.
Und jenseits der Forschung?
Ich frage mich, wie die nötige Zusammenarbeit und die entscheidende Investition in den Klima- und Meeresschutz wirksamer werden. Derzeit gibt es auf staatlicher Ebene viele Probleme mit Russland, China und nun auch mit den USA, aber vor allem bei den Forschenden auch viel Willen und Engagement.
Dorthin sind Sie kürzlich gewechselt, als Präsidentin ans Monterey Bay Aquarium Research Institute in Kalifornien. Warum?
Weil das Institut ein Paradies für Tiefseeforschung ist. Es geht dort um die Weiterentwicklung von Robotik, um das Leben im Meer zu verstehen und zu beobachten, und all das für besseren Schutz. Der Gründer David Packard war überzeugt davon, dass wir viel schneller viel mehr vom Ozean wissen müssen und setzte auf Innovationsförderung. Er sagte einmal: Wenn man nicht auch bei Projekten scheitert, hat man es nicht hart genug versucht. Das reizt mich.
Was würden Sie jungen Menschen raten, die in Ihre Fußstapfen treten möchten?
Nicht die Hoffnung verlieren, Fragen stellen und Wissen sammeln. Neugierde ist eine Superkraft, besonders wenn sie sich verbindet mit Empathie – auch für das unbekannte, einzellige, kleine, vielfältige Leben tief im Meer.
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Prof. Antje Boetius, geboren 1967 in Frankfurt am Main, ist Meeres- und Polarforscherin und war zuletzt Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven; seit 2025 ist sie Präsidentin des Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) in Kalifornien.