»Das Meer fragt nicht nach dem Geschlecht.«

Johanna Baehr

Frau Baehr, wie sind Sie zum Meer gekommen – gab es einen Schlüsselmoment?
Keinen einzelnen. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Da gab es eine systematische Talentförderung – bei mir war es Mathe. Schon in der Grundschule wurde erkannt, dass mir das Fach liegt. Später ging ich auf eine Schule mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, es gab nicht viele Schülerinnen, aber viele Lehrerinnen. Für uns war klar: Es zählt, was du kannst, nicht, welches Geschlecht du hast. Erst an der Uni wurde mir klar, wie männlich dominiert die Naturwissenschaften sind.

Wann wurde Ihnen bewusst, wie groß die Hürden für Frauen in der Wissenschaft sind?
Das kam erst während der Doktorarbeit. Mir fiel auf, dass es keine Professorin gab, mit der ich einfach mal sprechen konnte. Schon gar keine, die auch Kinder hatte. Ich wollte wissen, wie das geht: Wissenschaft und Familie. Aber es gab keine, die ich hätte fragen können. Mir wurde dann eine Professorin aus der Meteorologie empfohlen, also aus einem anderen Fach, in einer anderen Stadt. Mit der habe ich dann telefoniert.

Wie war Ihr Weg zur Professur?
Erst in den USA habe ich zum ersten Mal Frauen als Vorbilder erlebt. Als ich dann zurück nach Deutschland wollte, sagten mir die Kolleginnen und Kollegen am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology: Warum möchtest du 20 Jahre zurück in die Vergangenheit reisen? Ich habe das damals nicht so ernst genommen, aber später erlebte ich die Klassiker: Die haben Sie ja nur genommen, weil sie mal eine Frau brauchten. Oder: Wir gucken mal, wie du das so machst. 2009 bin ich dann die erste Professorin für Meereskunde hier am Institut geworden.

Gab es einen Moment, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Mein Lieblingsbeispiel ist der Jahresbericht, der erschien, als ich hier anfing. Da stand: Jetzt begrüßen wir Professor A für Theoretische Ozeanographie, B als Juniorprofessur mit Schwerpunkt Turbulenz – und Johanna Baehr als erste Professorin. Ohne Fachgebiet. Es ging nicht um meine Forschung, sondern nur um mein Geschlecht. 

Wie äußert sich diese Reduzierung im Alltag?
Es sind viele kleine Dinge. Weniger Kommunikation, dadurch zunächst weniger Zugang zu Ressourcen, zu Projekten – das summiert sich. Ich hatte das Gefühl, ich bin anders als alle anderen hier. Da half es nicht, dass ich obendrein schwanger ankam, mit meinem zweiten Kind. Schon das erste Kind war ein guter Anlass zu testen, wie flexibel die Strukturen sind. Es gab Meetings um 16 Uhr, genau dann, wenn ich das Kind von der Kita abholen wollte. Die ehrliche Erklärung half da wenig, aber „ein wichtiger Termin außer Haus“ wurde akzeptiert. 

Gab es positive Veränderungen in den letzten Jahren?
Absolut. In den letzten zehn Jahren hat sich viel getan. Auf dem höchsten akademischen Level gibt es inzwischen mehr Frauen. In meinem direkten Umfeld hier in Hamburg habe ich sehr davon profitiert, dass wir uns gut vernetzt und uns gegenseitig unterstützt haben. Vor allem haben wir gemeinsam neue Kolleginnen gezielt gefördert. Dadurch ist es heute möglich, mehr Kriterien für Diversität zu berücksichtigen – nicht nur das Geschlecht, sondern auch Herkunft, Lebenswege, Perspektiven.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch ändern?
Ich wünsche mir, dass wir so zusammenarbeiten, dass Unterschiede einfach akzeptiert werden. Dass niemand mehr das Gefühl haben muss, weniger Zugang zu erhalten, nur weil sie oder er anders ist. Das bremst die eigene Arbeit am meisten: Wenn man ständig darüber nachdenken muss, ob man dazugehört.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag heute aus?
Mein Alltag ist geprägt von Forschung, Lehre und Organisation. Ich leite ein großes Team, wir arbeiten an Fragen zum Ozean-Klima-System, zu Meeresströmungen, zu langfristigen Veränderungen. Es gibt Tage, da bin ich vor allem in Besprechungen, viel Zeit verbringe ich aber auch mit wissenschaftlichen Diskussionen und der gemeinsamen Analyse von Daten, oft im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit. Die Arbeit ist sehr kollaborativ und international, beides liebe ich.

Was fasziniert Sie an der Meeresforschung?
Mich fasziniert, wie wenig wir über das Meer wirklich wissen. Jede neue Erkenntnis ist wie ein Fenster in eine andere Welt. Das Meer ist so vielschichtig, so dynamisch, und es beeinflusst unser Klima, unser Leben auf so fundamentale Weise.

Gab es eine Art Heureka-Moment in Ihrer Karriere?
Eine meiner größten Erkenntnisse war, dass wir das europäische Winterklima ein Stück weit vorhersagen können. Obwohl lange Zeit viele gesagt haben, das sei wegen der chaotischen Atmosphäre in Europa unmöglich. Wir haben gezeigt, dass man durch die Kombination von Klimarechenmodellen mit physikalisch begründeten, einfachen Abschätzungen – etwa basierend auf aktuellen Nordatlantik-Temperaturen, dem Zustand der Stratosphäre, der Schneebedeckung in Sibirien und der Menge an arktischem Meereis – die Prognosen deutlich verbessern kann. Plötzlich war unsere Trefferquote so hoch, dass in einem Gutachten stand: zu gut um wahr zu sein. Es war schon ein Durchbruch zu sehen, dass diese Kombination aus Modellierung und physikalischer Intuition so viel mehr leisten kann, als wir erwartet hatten.

Was treibt Sie in Ihrer Forschung an?
Die Neugier. Ich will wissen, wie sich das Klima wirklich auf die großen Ozeanströmungen auswirkt und umgekehrt. Ich möchte besser verstehen, wie Wissenschaft und Gesellschaft voneinander lernen können. Das Meer ist offen, groß, voller Geheimnisse – und es ist für alle da.

Prof. Johanna Baehr, geboren 1977 in Jena, leitet die Arbeitsgruppe Klimamodellierung am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg und ist im Vorstand des Earth and Society Research Hub (ESRAH).