»Ich wollte wissen, was unter der Oberfläche passiert.«
Maren Voß
Frau Voß, warum das Meer?
Ich war schon früh davon begeistert, vor allem durch Urlaube an der Nordsee in meiner Kindheit. Ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen, ein Nordlicht also, und erinnere mich besonders an die Spaziergänge an der Kieler Förde, wo das Aquarium ist – das war für mich ein besonderer Ort. Damals lag das Institut noch direkt am Pier mit den Forschungsschiffen. Das muss im Teenageralter gewesen sein, und ich wollte unbedingt einmal mitfahren.
Was hat Sie daran so gereizt?
Wenn man am Wasser oder am Strand ist, sieht man immer nur einen kleinen Ausschnitt, meistens nur die Oberfläche des Meeres. Was darunter passiert, bleibt verborgen. Mir war intuitiv klar, dass man da tiefer reingehen muss, um es zu verstehen.
Suchten Sie das Abenteuer?
Absolut. Und Forschungsschiffe bedeuten immer Abenteuer. Man ist offen für die anderen an Bord, lernt neue Leute kennen, schaut, was sie machen, wie sie ihr Labor einrichten. Dann beginnt der Bordalltag, man sieht manche seltener, andere ständig. Es gibt Phasen, in denen man sich auch mal auf die Nerven geht, aber irgendwann findet sich ein Rhythmus. Es bilden sich Grüppchen, es gibt Tischtennisturniere. Ängstlich war ich nie, selbst dann nicht, als ich einmal bei einer anderen Expedition in einen Novembersturm auf dem Nordatlantik geriet. Als wir tagelang kaum vorankamen, war das eher aufregend. Wir mussten die Expedition zwar abbrechen, aber wir haben Nordlichter gesehen. Das sind Erlebnisse, die bleiben.
Ihre erste Expedition war 1988. Wie war das damals?
Das war zu Beginn meiner Doktorarbeit. Die Meteor, unser Forschungsschiff, war damals ganz neu. Wir waren im Nordatlantik unterwegs. Ich war begeistert von allem, was an Deck passierte. Ich wusste nichts über die verschiedenen Winden, wie sie betrieben werden, bis in welche Tiefen sie gehen. Wenn dann aus 4000 Meter Tiefe ein Stück Meeresboden hochkommt – das ist extrem faszinierend.
Wie geben Sie diese Erfahrungen weiter?
Fast 20 Jahre lang habe ich Seepraktika mit Studierenden gemacht. Wir sind in der gesamten Ostsee und in den Gewässern vieler Anrainerstaaten unterwegs gewesen, haben biologische Stationen besucht und andere Forschende und Studierende getroffen. Wichtig war mir immer, ein lebensnahes Bild von den Zusammenhängen zu vermitteln, wie alle Organismen im Meer vom Fluss der Elemente und der Nährstoffe beeinflusst werden, wie man Wasser- und Sedimentproben gewinnt und verschiedene Ergebnisse zu einem Ganzen verknüpft.
Und wann war Ihre letzte Fahrt?
Während der Corona-Zeit. Viele wollten damals nicht los, aus verständlichen Gründen. Wir sind dennoch im März 2021 von den Kanaren in die Amazonas-Mündung gefahren und haben dort geforscht. Danach ging es quer über den Atlantik bis ganz zurück nach Emden, wegen der Quarantäne an Bord. Das war eine ungewöhnlich lange, besondere Reise.
Hat sich Ihr Blick aufs Meer im Laufe der Jahre verändert?
Sicher. Aber wenn ich an Deck stehe und aufs Wasser schaue, ist da immer noch diese Begeisterung, diese Liebe. Egal, ob eine lange Dünung durchs Meer geht oder die Sonne darauf funkelt – diese Bilder bleiben immer schön.
Wie erklären Sie Ihre Arbeit jemandem ohne Vorkenntnisse?
Ich erzähle dann meist von der Überdüngung der Ostsee. Nährstoffe, vor allem Stickstoff, gelangen ins Meer und hinterlassen dort Spuren. Mein Team und ich entwickelten eine Methode, um zu bestimmen, woher der Stickstoff kommt und wie sich der Sauerstoffmangel auswirkt, der entsteht, wenn zu viel davon im Wasser ist und dadurch das Plankton wächst. Wir stellten fest, dass die Nährstoffe vor allem aus der überdüngten Landwirtschaft stammen. Dadurch bilden sich regelrechte Todeszonen, Bereiche fast ohne Leben. Das ist erschreckend – und gilt nicht nur für die Ostsee, sondern für Küstengewässer weltweit.
Was fasziniert sie bis heute an Ihrem Forschungsthema?
Das Thema kam während meiner Doktorarbeit auf. Damals gab es eine Studie in der Zeitschrift Nature, in der erstmals Stickstoffproben anhand ihrer Isotope eingeordnet wurden, also anhand ihrer elementaren Zusammensetzung. Das war der Anlass für meine Arbeitsgruppe, das Thema aufzugreifen. Die Methoden waren gerade erst in der Entwicklung. Ich bin für ein halbes Jahr in die USA gegangen, um diese Verfahren zu lernen. Damals war das alles noch viel aufwendiger: Proben wurden in Quarzröhrchen eingeschweißt, verbrannt, die Gase manuell gereinigt. 50 Proben zu messen, war eine echte Herausforderung. Heute geht das alles mit einem Gerät.
Gab es Widerstände oder Herausforderungen als Frau in der Meeresforschung?
Es gab durchaus Skepsis, ob man als Frau den Belastungen auf See standhält. Ich habe mich nie von Vorurteilen beirren lassen, sondern mich auf die Arbeit konzentriert und versucht, durch Leistung zu überzeugen.
Gab es eine konkrete Situation, in der Sie sich als Frau durchsetzen mussten?
Einmal musste ich der Crew Anweisungen geben. Ein Besatzungsmitglied hat meinen Befehl einfach ignoriert – er würde sich von einer Frau nichts sagen lassen. Das war ein Schockmoment. Der Kapitän griff dann ein, aber ich habe auch sehr deutlich gemacht, dass das nicht akzeptabel ist und dass ich in dem Moment die Verantwortung für die Forschungsarbeit trage. Danach lief es besser. Solche Situationen sind zum Glück seltener geworden, aber sie prägen.
Gab es auch subtilere Formen von Benachteiligung?
Ja. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass meine Ideen oder Erkenntnisse nicht so ernst genommen wurden wie die von männlichen Kollegen. Oder dass meine Beiträge in Diskussionen übergangen wurden. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Erfolge eher den männlichen Kollegen zugeschrieben wurden, obwohl ich maßgeblich daran beteiligt war. Ich habe gelernt, meine Ideen klar und selbstbewusst zu präsentieren und darauf zu bestehen, dass meine Beiträge anerkannt werden. Wenn ich den Eindruck hatte, dass jemand meine Idee als seine eigene ausgibt, habe ich das offen angesprochen. Es ist wichtig, sich nicht ausnutzen zu lassen und für seine Rechte einzustehen.
Wie laufen solche Situationen ab?
Es gibt diese typischen Momente, in denen Kollegen laut und überzeugt auftreten. Sie reden einfach weiter, selbst wenn man schon etwas gesagt hat, oder sie wiederholen, was man gerade eingebracht hat, und verkaufen es als ihre eigene Idee. Das ist so ein Muster, das ich oft beobachtet habe: Männer, die sich gegenseitig bestätigen und Frauen, die sich dann erst mal wieder Gehör verschaffen müssen. Es geht viel um Status, um das Ausspielen von Wissen. Ich habe das Gefühl, dass es manchen Kollegen wichtiger ist, als Erster mit einer Idee dazustehen, als wirklich gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.
Wie hat sich das bis heute verändert?
Es ist besser geworden, keine Frage. Ich beobachte aber immer noch, dass Frauen sich oft doppelt anstrengen. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen und weiterhin an einem guten Miteinander arbeiten.
Was würden Sie jungen Frauen raten, die in die Meeresforschung gehen wollen?
Es hilft, sich mit anderen Frauen zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken. Man sollte sich nicht scheuen, die eigene Leistung sichtbar zu machen. Frauen sollten für sich selbst und füreinander einstehen – auch wenn das manchmal unbequem ist.
Welche Forschungsfrage möchten Sie unbedingt noch beantworten?
Ich würde gern in die Zukunft blicken und erfahren, wie sich die Veränderungen im Stickstoffkreislauf langfristig auf unsere Ökosysteme auswirken. Wieviel können sie ertragen, bevor sie kippen? Bekommen die Menschen die Kurve, die Meere in einem guten Zustand zu erhalten?
Wie sehen Sie die Zukunft der Meeresforschung?
Durch den Klimawandel und den zunehmenden Druck auf die Meere sind auch die wissenschaftlichen Herausforderungen gewachsen. Aber ich bin optimistisch, dass wir mit neuen Methoden und engagierten jungen Forschenden viel erreichen können. Das Meer lehrt Demut. Es zeigt einem, wie klein man ist und wie wenig man letztlich kontrollieren kann. Aber es zeigt auch, wie viel möglich ist, wenn man gemeinsam arbeitet und nicht aufgibt.
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Prof. Dr. Maren Voß, geboren 1959 in Schleswig-Holstein, ist Meeresbiologin mit dem Schwerpunkt Biogeochemie am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und Professorin an der Universität Rostock.