»Widerstände spornen mich an.«

Corinna Schrum

Frau Schrum, wie war Ihr Weg in die Meereskunde?
Nach dem Abitur überlegte ich, was ich studieren kann. Mathematik lag mir sehr, aber allein schien mir das ein bisschen trocken. Physik traute ich mir nicht zu, weil ich wegen Lehrerausfällen zu wenige Vorkenntnisse hatte. So bin ich dann in der Ozeanografie gelandet – als eine der wenigen Studentinnen, die sich der Thematik physikalisch und mathematisch widmen und nicht innerhalb der Biologie.

Man kann ja auch andere Dinge berechnen. Warum das Meer?
Ich wusste wenig davon, und es schien mir mehr offene Fragen zu bieten. Natürlich war ich öfters am Meer, aber ich habe kein romantisches Verhältnis dazu. Ich finde es spannend, aber es ist nicht mein Sehnsuchtsort – das sind eher die Menschen.

Sie sind im Studium Mutter geworden. Wie haben Sie das mit der Forschung organisiert?
Es gab immer mal Situationen, in denen ich Abstriche machen musste. Kinder sind krank, oder man muss zur Einschulung. Da braucht man Unterstützung – Partner, Freunde, Familie. Alleine stelle ich mir das sehr schwierig vor. Kinder werden nicht von alleine groß. Wenn man einen Partner hat, der das unterstützt, geht das schon. Heute habe ich fünf Kinder, zwei bekam ich, bevor das Studium abgeschlossen war. In Deutschland war das damals noch nicht so üblich – die meisten Frauen, die ich kannte, wurden Hausfrau. Aber ich hatte in der Familie Vorbilder, meine Mutter und Großmutter waren keine reinen Hausfrauen, sondern mussten arbeiten und ihre Kinder alleine durchbringen.

War es schwierig, als Frau und Mutter in der Wissenschaft voranzukommen?
Ja, schon, wegen der Strukturen. Am Anfang fielen die Hindernisse noch nicht so auf, aber je weiter ich die Karriereleiter erklommen hatte, desto schwieriger wurde es. Als ich mich auf eine Assistentinnenstelle bewarb, kamen ältere Professoren auf mich zu und sagten ganz direkt: Frauen können heute promovieren, aber eine Professur ist doch wohl nichts für sie – schon gar nicht als Mutter. Ich war sprachlos, aber habe mich nicht entmutigen lassen. Ich bin ein hartnäckiger Typ und Widerstände spornen mich an. Als ich 2006 für eine Stelle nach Bergen in Norwegen ging, war ich dort die erste Professorin für Meereskunde.

 

Gab es eine Situation, in der Ihre Arbeit weniger beachtet wurde?
Ja, ich erinnere mich an ein Projekt, das ich mit einem Kollegen geleitet habe. Er hat sich kaum engagiert, eine Doktorandin und ich haben die Arbeit gemacht, trotz Mutterschaft. Als wir fertig waren, erntete er die Lorbeeren. Ich habe meine Lehren daraus gezogen: deutlicher zu machen, was mein Beitrag ist, und mich zu wehren, wenn ich übergangen werde. Das rate ich auch meinen Studentinnen und Mitarbeiterinnen: Steh für deine Leistung ein und lass dir das nicht gefallen.

Wie würden Sie einem Laien erklären, woran Sie forschen?
Ich beschäftige mich mit der Physik des Ozeans, quasi das Wetter im Meer – wie es sich bewegt und welche Auswirkungen das auf die Biologie hat. Durch diese Dynamik entstehen unterschiedliche Ökosysteme, die das Leben im Meer beeinflussen.

Leben lässt sich doch schwer berechnen. Wie bringen Sie Physik und Biologie zusammen? 
Stimmt, es gibt keine Grundgleichung wie in der Physik, wohl aber Prinzipien, nach denen das Leben funktioniert. In der Biologie ist es komplexer, man muss vereinfachen. Ich versuche, Muster zu erkennen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Wir haben versucht, Nahrungsnetze im Meer zu modellieren, die nicht beim Plankton aufhören, sondern auch Fische einbeziehen. Das war zunächst schwierig. Viele dachten, das geht nicht – Fische schwimmen ja, wie soll man das modellieren? Wir haben dann in unseren Rechenmodellen Fische zum Beispiel als Gruppen mit festen Eigenschaften definiert oder ihnen bestimmte Bewegungsmuster gegeben. So können wir berechnen, wann welche Bestände wachsen oder zurückgehen, und wie sich dies von Jahr zu Jahr verändert, wenn sich die physikalischen Bedingungen ändern. Es hat lange gedauert, bis dies akzeptiert wurde, aber mittlerweile wird das in großen Projekten angewandt.

Warum ist das wichtig? 
Wenn man verstehen will, warum sich etwa Fischbestände ändern, muss man wissen, wie das Ökosystem reagiert. Das hat nicht nur mit dem Fischfang zu tun, sondern auch mit Klimaänderungen. Meeresströmungen und Wasserschichtungen können sich auf die Populationen auswirken. Das ist nützlich für das Fischereimanagement, aber auch für die Nutzung des Meeres. Man kann etwa berechnen, welche Folgen Offshore-Windparks für Ökosysteme haben.

Wie sieht Ihr Alltag als Direktorin und Professorin heute aus?
Mein Tag ist geprägt von Verantwortung, vielen Meetings, viel Administration. Das Highlight ist die Arbeit mit Doktorandinnen und Doktoranden an Studien, Ergebnisse zu sehen und zu besprechen, Ideen zu entwickeln und die Forschung voranzubringen. 

Was möchten Sie jungen Forschenden mitgeben?
Ich versuche, ihnen Mut zu machen, sich zu behaupten und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. In der Wissenschaft ist es oft leichter, das zu machen, was alle erwarten, als mit ganz neuen Ideen zu kommen. Ich finde neue Ideen viel spannender, auch wenn sie sich manchmal erst durchsetzen müssen.

Gibt es bestimmte Arbeitsrituale?
Ich schreibe mir selbst E-Mails mit To Dos, damit mir nichts entgeht. Mein Terminkalender ist strikt durchgeplant. Ich arbeite oft früh, manchmal stehe ich um fünf auf, um vor der Arbeitszeit Dinge zu erledigen. Ideen kommen mir zwischendurch – nachts, beim Spazierengehen, in der S-Bahn. Nicht in den acht Stunden im Büro, da mache ich vor allem Organisatorisches. 

Wenn Sie eine Forschungsfrage in Ihrem Leben beantworten könnten, welche wäre das?
Mich würde interessieren, wie die Klimaänderung und die menschlichen Aktivitäten, insbesondere am Meer, zusammenwirken. Ich würde gerne besser verstehen, wie sich das gegenseitig beeinflusst und welche Auswirkungen auf die Küstengebiete es hat.

Was ist die wichtigste Lehre aus Ihrer Laufbahn?
Offen und kritisch zu bleiben, auch mit sich selbst. Man muss sich anstrengen, um aus den eigenen Überzeugungen und Vorurteilen herauszukommen. Wissenschaft dient der Gemeinschaft, und wir haben die Verantwortung, nach bestem Wissen und Gewissen zu arbeiten – nicht nach dem, was wir glauben oder hoffen.

Corinna Schrum ist Direktorin des Instituts für Küstensysteme – Analyse und Modellierung am Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht und Professorin an der Universität Hamburg.