»Unsere Arbeit hilft, das Meer zu schützen.«
Kerstin Jochumsen
Frau Jochumsen, wie kamen Sie zum Meer?
Eigentlich wollte ich in die Forstwirtschaft, aber wegen Allergien und Kurzsichtigkeit entschied ich mich dagegen. Da dachte ich, wenn es der Wald nicht wird, dann eben das Meer – da gibt es keine Pollen. Also eher eine pragmatische Entscheidung, verbunden mit Neugier: Es gibt kaum noch weiße Flecken auf der Landkarte, aber beim Ozean kann man immer noch Überraschungen erleben.
Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Meer über die Jahre verändert?
Es bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens, ich verbringe gern Zeit am Meer. Wenn man auf einem Forschungsschiff arbeitet, verliert das Ganze allerdings ein bisschen die Romantik. Es ist stressige Arbeit, oft bei schlechtem Wetter. Die Vorstellung, man würde ständig fasziniert aufs Wasser schauen, stimmt nicht. Man hat viel zu tun, und meistens ist das Wetter wichtiger als die Aussicht. Aber auf jeder Reise gab es auch viele Momente, in denen ich sehr froh war, diese Arbeit machen zu dürfen.
Sie sind seit 2018 am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Wie sieht Ihre Arbeit aus?
Das BSH ist die wichtigste maritime Behörde in Deutschland und eine Ressortforschungseinrichtung des Bundesministeriums für Verkehr. Wir überwachen Nord- und Ostsee, machen Meeresforschung und sind international vernetzt. Ich habe hier als Leiterin der Unterabteilung Meeresphysik und Klima angefangen. Regelmäßig führen wir Messungen auf See durch – wir erfassen physikalische und chemische Parameter wie Temperatur, Salzgehalt, Sauerstoff und die Belastung durch Schadstoffe. Es geht darum, Veränderungen und Trends zu erkennen, zum Beispiel durch den Klimawandel. Seit 2024 leite ich die Abteilung Meereskunde, mit weiteren Bereichen wie Sturmflutvorhersage, chemisches Labor und Geologie. Meine Aufgaben sind deshalb vor allem strategisch und administrativ: Personal, Budget, Datenqualität, Beratung der Politik.
Warum ist diese Arbeit gesellschaftlich wichtig?
Wir brauchen Echtzeitdaten für Wettervorhersagen und Warnungen, etwa vor Stürmen oder Sturmfluten. Langfristig beobachten wir die Entwicklung, um den Klimawandel einschätzen und Anpassungsmaßnahmen planen zu können. Gleichzeitig stehen Nord- und Ostsee immer mehr unter Druck: Schiffsverkehr, Offshore-Windparks, Verschmutzung. Unsere Messungen helfen, Maßnahmen zum Schutz der Meere zu entwickeln.
Gab es in Ihrer Laufbahn einen Aha-Moment?
Sehr früh, noch als Doktorandin, habe ich gelernt, dass Ozeanmodelle die physikalischen Prozesse im Ozean nicht immer so gut abbilden, wie man denkt. Oder sie sind sogar in grundlegenden Punkten falsch. Das hat mich sehr erstaunt, weil ich zu dem Zeitpunkt dachte, in Modellen stecke die Wahrheit. Später, bei einem Projekt zwischen Island und den Färöer-Inseln, haben wir den Austausch von schwerem Wasser am Meeresboden untersucht. Wir dachten, da fließt Wasser aus den Nordmeeren in den Atlantik – aber unsere Messreihen zeigten: Es schwappt nur hin und her, einen echten Austausch gibt es dort gar nicht. Das war überraschend, aber die Daten waren klar.
Gibt es eine Erkenntnis, die Sie besonders bewegt hat?
Nach Stürmen an der Ostsee im Juni und im Oktober 2023 konnte man in Satellitendaten und an Messreihen sehen, wie sich das Meer an der Küste veränderte. Durch den Wind wurde kaltes, nährstoffreiches und sauerstoffarmes Wasser aus der Tiefe nach oben gefördert. So kühlte das Oberflächenwasser im Juni in kurzer Zeit stellenweise um mehr als 10 Grad ab, und im Oktober führte der Sauerstoffmangel direkt zu einem Fischsterben. Solche Ereignisse kannte ich aus dem Südatlantik, aber so etwas kleinräumig und mit direkten Folgen in der Ostsee zu sehen, beeindruckte mich.
Sie sind Mutter von zwei Kindern. Ging das immer gut mit der Wissenschaft zusammen?
Ich habe mir die Elternzeit mit meinem Mann geteilt. Längere Auszeiten sind im Wissenschaftsbetrieb schwierig, weil man den Anschluss an Projekte und Kontakte verliert. Gerade an Unis und Instituten, die sehr projektbasiert arbeiten, ist alles schnelllebig. Wenn man zwei Jahre raus ist, ist man oft nicht mehr gefragt. Das ist unfair, aber Realität. Es hilft, wenn man die Betreuung auf mehrere Schultern verteilen kann.
Wie erleben Sie die Geschlechterverhältnisse in Ihrem Fach?
In der Meeresphysik gibt es viele Frauen, aber Leitungspositionen sind oft noch von Männern besetzt. Zu den Karrierehindernissen für Frauen zählen befristete Verträge, insbesondere dann, wenn man eine Familie hat oder plant. Netzwerke sind dabei wichtig. Männer sind da oft besser aufgestellt, weil sie sich mehr Zeit für informelle Treffen nehmen. Das ist kein böser Wille und Frauen werden nicht absichtlich ausgegrenzt, aber es macht einen Unterschied dabei, neue Projekte zu entwickeln und Partner zu finden. Es ist wichtig, Kontakte zu knüpfen und nicht nur im Homeoffice zu bleiben.
Gab es für Sie ein Motto, das Ihnen geholfen hat?
Nicht zu viele Aufgaben gleichzeitig annehmen, sonst verzettelt man sich. Aber auch nicht nur auf ein Thema spezialisieren. Ruhe bewahren, wenn mal etwas nicht klappt. Offen kommunizieren, daraus lernen, weitermachen.
Was würden Sie jungen Forscherinnen raten?
Durchhalten. Viele sind schnell frustriert von der unklaren Perspektive. Wenn man lange genug dabei bleibt, ergibt sich meist etwas. Sich nicht abschrecken lassen, auch wenn es lange nur befristete Verträge gibt. Und: Wenn man Kinder möchte, sollte man es wagen – sonst bereut man es später vielleicht.
Oft wird zu wenig für den Schutz der Meere getan. Frustriert Sie das?
Man braucht einen langen Atem. Es dauert oft Jahre, bis sich etwas bewegt, gerade bei internationalen Prozessen. Aber man sieht Fortschritte, zum Beispiel ist das Insektenvernichtungsmittel DDT heute kaum noch in den deutschen Gewässern zu finden, weil es in der EU verboten wurde.
Was macht Ihnen Hoffnung angesichts des Klimawandels?
Es gibt Städte wie Hamburg, wo das Problem erkannt worden ist und Maßnahmen umgesetzt werden – Klimabeirat, Schwammstadt-Konzepte, Förderung des Radverkehrs. Es geht nicht so schnell, wie ich es mir wünschen würde, aber es passiert wenigstens etwas. In anderen Regionen ist das schwieriger.
Gibt es eine Forschungsfrage zum Meer, die Sie unbedingt beantwortet haben möchten?
Was ist die effektivste Maßnahme, um wieder ein gesundes Ökosystem in Nord- und Ostsee herzustellen? Bislang wissen wir zu wenig darüber, wie die vielen menschlichen Einflüsse und der Klimawandel gemeinsam wirken. Wir werden nicht alles reparieren können, aber was bringt uns am meisten? Und wie sieht das zukünftige Ökosystem aus, wenn sich Temperaturen und Salzgehalte weiter verändern? Arten wandern ab, neue kommen hinzu, andere verschwinden. Ich wüsste gern, wie das Meer in 200 Jahren aussehen wird.
☸
Dr. Kerstin Jochumsen, geboren 1978 in Hamburg, leitet die Abteilung Meereskunde am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg.