»Wir sitzen in einem winzigen Boot und messen dieses riesige, verborgene Wesen.«

Eleanor Frajka-Williams

Sie sind in Kalifornien am Meer aufgewachsen. Wie hat Ihre Beziehung zum Meer begonnen?
Ich kann mich an meinen ersten Kontakt mit dem Meer gar nicht erinnern, weil es immer da war. Ich bin auf Palos Verdes groß geworden, einer Halbinsel etwas südlich von Los Angeles, die von drei Seiten von Wasser umgeben ist. Von fast überall aus konnte man das Meer sehen. In meiner Kindheit war das Meer der Ort, wo man Sport gemacht hat, Klippen heruntergeklettert ist und Gezeitentümpel erforscht hat, um kleine Lebewesen zu betrachten. Das Meer war nur etwas für die Freizeit, ein Grenzbereich, wo Tiere lebten. Lange blieb es für mich ein Ort der Meeresbiologie – Fische, Wale. Die Physik kam für mich erst an der Universität ins Spiel. 

Was hat Sie dazu bewogen, sich mit der Erforschung des Meeres zu beschäftigen, insbesondere aus der Perspektive der Physik?
An der Uni habe ich Mathe studiert. Als ich mich nach Graduiertenprogrammen umgesehen habe, wollte ich meine Mathe-Kenntnisse anwenden. Ich habe Umwelttechnik, wo es um den Umgang mit Abwasser ging, und Meerestechnik, wo alles an der Küste passierte, in Erwägung gezogen. Um ehrlich zu sein, hatte ich damit die Wahl zwischen Fäkalien und Strand. Mein Betreuer im Bachelorstudium war Hydrologe, der sich aber nur mit dem Festland beschäftigte – Wolken und Regen über dem Himalaya. Meine erste echte Begegnung mit dem Meer erlebte ich in einem Sommerprogramm an einem Meeresforschungsinstitut, aber selbst da ging es nicht um die Ozeane, sondern um Geophysik. Es hat also eine Weile gedauert, bis ich anfing, den Ozean als etwas physikalisch Erforschbares zu betrachten.

Wie erklären Sie jemandem, der sich nicht für Wissenschaft interessiert, Ihre Arbeit?
Normalerweise sage ich, dass ich die Ozeanzirkulation studiere – also wie der Ozean Wasser um den Planeten bewegt. Ich beziehe mich auf den Golfstrom, auch wenn er nur ein Teil davon ist. Ich versuche zu verstehen, wie schnell sich die Zirkulation verändert, was sie verursacht und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf den Ozean und auf uns Menschen haben.

Hat sich Ihr Verhältnis zum Meer verändert, seit Sie Forscherin sind?
Inzwischen ist meine Faszination ganz anderer Natur. Zuvor ging es um das, was ich sehen konnte. Heute messen wir etwas, was wir niemals mit eigenen Augen werden sehen können, und leiten daraus diese massive Wasserbewegung ab, die völlig verborgen ist. Wir sitzen in einem winzigen Boot auf dem Wasser und lassen diese winzigen Instrumente runter, um dieses riesige Wesen, den Ozean, zu messen.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie es in Ihrer Karriere geschafft haben?
Ein paar Mal. Mein erster Artikel als Erstautorin. Mein erster Antrag, der finanziert wurde – das war wahrscheinlich der größte Erfolg. Wenn man das geschafft hat, sind die folgenden Absagen nicht mehr so schlimm. Das sind eher Meilensteine in der eigenen Karriere als in der Wissenschaft, aber sie geben einem das Gefühl: Okay, das funktioniert tatsächlich irgendwie.

Gab es ein überraschendes Ergebnis in Ihrer Forschung, das hervorsticht?
Eine Erkenntnis, die wir gewonnen haben: Wenn der Wind über die Meeresoberfläche weht, reagiert die Zirkulation drei Kilometer tiefer fast sofort. Wir wissen immer noch nicht genau, warum die Reaktion nur in dieser Tiefe so schnell erfolgt. Eine weitere Erkenntnis war, dass man Satellitendaten über die Meeresspiegelhöhe dafür verwenden kann, um die Stärke der atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation abzuschätzen, bekannt als AMOC. Eine Änderung des Meeresspiegels um zwei Zentimeter entspricht einer Änderung im Ozean von einer Million Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Das ist fünfmal so viel Wasser wie im Amazonas, basierend auf einem kaum messbaren Signal!

Hatten Sie Vorbilder?
Auf jeden Fall. Besonders Susan Lozier, eine Ozeanographin und hervorragende Wissenschaftlerin, die gut mit Menschen umgehen kann. Ich habe erlebt, wie sie Situationen mit Würde und Geradlinigkeit meisterte. Sie gab mir auch Ratschläge für Verhandlungen. Als sie ihre erste Stelle an der Fakultät antrat, sagte sie zu ihrem Dekan: Ich habe zwei kleine Kinder, daher werden die nächsten Jahre nicht meine produktivsten sein. Dahinter steckte die Vorstellung, dass es in Ordnung ist, zu sagen: Ich bin ein menschliches Wesen. Sie organisierte auch eine Gruppe namens Mentoring Physical Oceanography Women to Increase Retention (Mentoring für Frauen in der physikalischen Ozeanographie zur Verbesserung der Personalbindung).

Mussten Sie jemals für etwas kämpfen, insbesondere als Frau?
Von Frauen wird erwartet, dass wir nett sind, dass wir unterstützen und anderen helfen. Wenn man aber zu viel hilft, kann es der Karriere schaden. Es gab Zeiten, in denen ich dagegenhalten musste und ich neige dazu, mich an die direkte Art der Person, mit der ich zu tun habe, anzupassen. Grenzen zu setzen ist wichtig für uns alle, nicht nur für Frauen.

Haben Sie Widerstände erlebt?
Es sind eher subtile Sachen, wie, dass ein männlicher Vorgesetzter einen Studenten auf einen Drink einlädt, eine Studentin aber nicht. Oder man wird gar nicht erst gefragt, an Feldforschungen teilzunehmen, weil man kleine Kinder hat. Soziale Dynamiken spielen eine große Rolle. In der physikalischen Ozeanografie, ein von Männern dominiertes Fachgebiet, kann es unbequem sein, die einzige Frau im Raum zu sein. Wenn meine Kollegin Johanna Baehr nicht hier gewesen wäre, hätte ich es nicht in Betracht gezogen, nach Hamburg zu kommen.

Haben sich die Dinge geändert?
Schwer zu sagen. Die Erfahrungen sind so individuell. Die Zahlen haben sich ein wenig verändert. Bis vor fünf Jahren gab es in Großbritannien nur eine Professorin für physikalische Ozeanografie, jetzt sind es drei.

Was war Ihre schwierigste Zeit?
Als ich als Studentin aus dem Mutterschutz zurückkam. In den USA hatte ich sieben Tage bezahlten Mutterschutz. Ich nahm mir drei Monate frei, kam zurück, und mein Laptop ging kaputt. Ich hatte keine Backups – alles war weg. Ich hatte ein Kind und fragte mich: Ist es das wert? Glücklicherweise nahmen die IT-Mitarbeiter meinen Laptop auseinander, und als sie ihn wieder zusammensetzten, funktionierte er wieder. Seitdem mache ich fleißig Backups.

Sie haben an vielen Orten gearbeitet, sogar für die NASA. Was sind die Hauptunterschiede zwischen den USA, Großbritannien und Deutschland in der Wissenschaft?
In den USA gibt es viel sogenanntes soft money – man kann einen festen Arbeitsplatz haben, solange man Fördermittel einwirbt. Wenn Sie das nicht tun, können Sie Ihren Job behalten, haben aber kein Einkommen. In Deutschland gibt es eine zeitliche Begrenzung. Sie müssen innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine feste Stelle finden, sonst sind Sie raus. In Großbritannien gibt es eine Zwischenlösung: Sie können einen unbefristeten Vertrag bekommen, aber Sie können gefeuert werden.

Wenn Sie eine Forschungsfrage beantworten könnten, wie würde diese lauten?
Wodurch verändert sich die AMOC, die atlantische meridionale Umwälzzirkulation? Die AMOC wird oft mit abrupten Klimaveränderungen in Verbindung gebracht – wie es gern in Hollywoodfilmen dargestellt wird. Das klingt nach einer einfachen Frage, aber die Antwort ist kompliziert. Unterschiedliche Methoden zur Messung oder Definition der AMOC können zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen. Wenn ich die Frage genauer formulieren müsste: Welcher Teil der AMOC ist für das Klima am wichtigsten, und wie verändert sich dieser Teil? Aber zu verstehen, was sich tatsächlich verändert und welche Teile des Systems diese Veränderung vorantreiben, ist viel subtiler.

Wie gehen Sie persönlich mit den teils erschütternden Erkenntnissen der Klimaforschung um?
Als Wissenschaftlerin halte ich die emotionalen und sachlichen Aspekte getrennt. Es gibt die emotionale Reaktion – unser Klima ändert sich, es passieren schlimme Sachen. Aber es gibt auch die Faszination: Wir üben enorm viel Druck auf die Erde aus und es wird interessant sein, zu sehen, was passieren wird, auch wenn die Folgen verheerend sind. Ich ziehe es vor, mehr Zeit mit der Faszination und weniger mit doom and gloom zu verbringen. 

Hat die Dringlichkeit des Klimawandels Sie als Wissenschaftlerin politisiert?
Ich gehe überall wählen, wo ich kann, in den USA, bei den Kommunalwahlen hier und in Großbritannien. Aber ich lasse die Politik nicht in meine Vorträge einfließen. In den USA ist die Gesellschaft sehr gespalten, und ich bin nicht davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, die Politik zum Thema zu machen. Das Klima ist da, unabhängig von der politischen Partei.

Und als Mutter?
Als Mutter sage ich meinen Kids, dass sie alles werden dürfen, was sie wollen, solange es irgendwie mit der Lösung der Klimakrise zu tun hat – Anwältin, Ökonomin, Politikerin, egal. Meine ältere Tochter will Mathe und IT studieren. Meine jüngere hat mich mal gefragt: Was ist, wenn ich Ozeanographin werde? Könnten wir dann gemeinsam Papers schreiben? Klar, sagte ich. Das wäre wundervoll.

Prof. Dr. Eleanor Frajka-Williams, geboren 1979 in Los Angeles, ist Professorin und Leiterin der Experimentellen Ozeanographie am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg.