»Wir kehren immer zum Wasser zurück.«

Joke Lübbecke

Frau Lübbecke, was bedeutet Ihnen das Meer?
Im und am Wasser zu sein, hat immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt, durch Kindheitsurlaube und das Gefühl, am Meer zur Ruhe zu kommen. Ich bin viel geschwommen, auch im Wettkampf. Zur Ozeanografie bin ich über die Physik gekommen. Lange wusste ich nicht so genau, was ich machen will. Im letzten Schuljahr war klar: etwas Naturwissenschaftliches, aber nicht klassisch Physik oder Chemie. Dann habe ich einfach geguckt, was es an kleineren Fächern gibt. Ozeanografie traf sofort einen Nerv. Die Weite des Meeres mit physikalischen Gleichungen zu beschreiben, das fand ich total cool.

Gefällt Ihnen denn mehr das Theoretische oder das Praktische?
Ich mag die Mischung aus dem Erleben des Meeres, etwa auf Expedition, und dem Quantitativen, Physikalischen, das man berechnen und simulieren kann. Es ist reizvoll, zu messen, was man sonst nur theoretisch erfasst und umgekehrt. Viele Ideen kommen mir unterwegs. Übrigens nicht nur auf Forschungsreisen, sondern auch im Alltag beim Radfahren oder Einkaufen.

Wie würden Sie heute Ihre Forschung in einfachen Worten beschreiben?
Ich arbeite zu Temperaturschwankungen im oberen Ozean. Mich interessiert, warum manche Jahre wärmer oder kälter sind und wie sich diese Schwankungen auf unser Klima auswirken. Ähnlich wie bei unserem Wetter gibt es da zwar klare Jahreszeiten, aber es gibt eben auch Winter, die deutlich kälter oder milder sind. Besonders spannend finde ich die Tropen, zum Beispiel das bekannte El-Niño-Phänomen im Pazifik. Das ist ein natürliches Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt und weitreichende Auswirkungen auf Niederschläge, Landwirtschaft und sogar die Ausbreitung von Krankheiten hat. 

Wie beeinflusst der Klimawandel Ihre Forschung und Ihr persönliches Leben?
Der Klimawandel ist heute viel präsenter als zu Beginn meines Studiums. Viele Studierende wollen den Klimawandel besser verstehen, um etwas tun zu können. Die Frage für meine Forschung lautet immer: Wenn sich der Gesamtzustand verändert, wie ändern sich dann auch die natürlichen Schwankungen? Werden El Niño-Ereignisse häufiger oder stärker? Das beschäftigt mich – auch persönlich, weil ich versuche, meinen privilegierten Lebensstil mit Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Es ist allerdings schwierig, einen persönlichen Umgang zu finden. Ich bin ja keine Aktivistin, sondern Wissenschaftlerin.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Ich bin extrem strukturiert, führe wöchentliche To-Do-Listen nach Kategorien. Getaktet ist mein Tag außerdem durch Kaffeepausen. Ich plane das alles handschriftlich, sogar meinen Kalender. Mir gibt es unheimlich viel, Dinge aufzuschreiben und durchstreichen zu können. An Datenanalysen gehe ich meist mit einer klaren Idee. Oft stellt sich jedoch heraus, dass die Dinge anders sind als gedacht. Man muss flexibel bleiben und manchmal neue Wege finden. Wissenschaft ist für mich immer auch kreative Arbeit – man weiß nie genau, wo man am Ende rauskommt.

Gab es einen großen Aha-Moment in Ihrer Karriere?
Ja, bei meiner Doktorarbeit. Zuerst hatte ich keine klare Fragestellung. Dann stolperte ich über Manuskripte, in denen zwei Seiten eines Phänomens im tropischen Atlantik immer getrennt betrachtet wurden, aber nie zusammen. So kam ich zu meinem Thema: Hängen das Atlantik-Niño und das Benguela-Niño zusammen? Ich habe herausgefunden, dass es im Grunde zwei Teile eines Phänomens sind. Mit dieser Erkenntnis verbinden mich viele in der Forschungscommunity.

Wie haben Sie den Wissenschaftsbetrieb als Frau erlebt?
Ich wurde immer sehr gut gefördert und hatte meist ein unterstützendes Umfeld. Aber es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung: Männern wird oft schneller Genie zugeschrieben, Frauen eher Fleiß. Und gesellschaftliche Erwartungen an Mütter sind nach wie vor ein Thema – viele Frauen verlassen die Wissenschaft, wenn die Kinder klein sind, oder reduzieren ihre Arbeitszeit stark, und es kann schwer sein, später wieder den Anschluss zu finden. Ich habe mich bewusst entschieden, nie in Teilzeit zu gehen, weil ich das Gefühl hatte, man muss trotzdem die volle Arbeit machen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Wie haben Sie das unter einen Hut bekommen?
Ich bin da mit einer fröhlichen Naivität reingegangen. Mein erstes Kind bekam ich während der Doktorarbeit. Wir wollten halt gerne ein Kind und damals schien es ein guter Zeitpunkt zu sein. Erst spät merkte ich, dass manche Leute dachten: Die Arbeit bringt sie doch jetzt nicht mehr zu Ende. Ich habe das nie angezweifelt. Mein Partner arbeitet auch in der Wissenschaft, wir haben uns immer gegenseitig unterstützt. Beim zweiten Kind hat mein Mann nach sechs Monaten die Elternzeit übernommen. Das ist ja im Wissenschaftsbetrieb gar nicht mehr unüblich.

Gab es Vorbilder oder Mentorinnen?
Als ich studiert habe, hatte ich keine Professorin in Mathe, Physik, Ozeanographie oder Meteorologie. Heute ist der Frauenanteil deutlich höher, und die Studierenden gehen viel bewusster mit Themen wie Diversität und Privilegien um. In der Physik bin ich aber immer noch oft eine der wenigen Frauen im Raum.

Was müsste sich ändern, damit mehr Frauen diese Fächer studieren?
Viel bewirken Mentoring-Programme und Workshops, um zu unterstützen und zu ermutigen. Das größere Problem liegt jedoch in der Gesellschaft: Welche Erwartungshaltung an Frauen gibt es? Welche Möglichkeiten für Kinderbetreuung? In welche Rollenaufteilung fallen Paare typischerweise mit einem Kind? Das sind alles kritische Punkte.

Was würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen raten?
You have to jump before you feel ready! Man muss sich manchmal trauen, den nächsten Schritt zu gehen, auch wenn man sich noch nicht hundertprozentig bereit fühlt. Die Chancen kommen oft nur einmal. Gerade in der Wissenschaft gibt es viele Programme, die nur ein paar Jahre nach der Promotion möglich sind – dann schließt sich das Zeitfenster. Auch Möglichkeiten für Professuren oder feste Stellen eröffnen sich nicht oft in der Karriere, da muss man gegebenenfalls bereit sein, umzuziehen und Neues zu wagen. Wir sind mit unserem ersten Kind zweimal in die USA gegangen, das war jedes Mal ein Sprung ins Ungewisse.

Was treibt Sie in Ihrer Forschung besonders an?
Mich interessieren besonders die scheinbar kleinen Rätsel, wenn Dinge eigentlich schon verstanden scheinen und dann doch anders sind als erwartet. Häufig sind die großen Mechanismen klar, aber im Detail ist es dann wahnsinnig kompliziert. Fragen zum Meer sind immer elementar. Und vielleicht kehren wir deswegen, frei nach dem Schriftsteller John von Düffel, alle immer wieder zum Wasser zurück.

Joke Lübbecke, geboren 1981, ist Professorin für Physikalische Ozeanographie am Institut für Umweltphysik der Universität Bremen und forscht zu Ozeanzirkulation, tropischer Klimavariabilität und den Auswirkungen des Klimawandels auf den Ozean.