»Wäre ich keine Optimistin, würde ich nicht hier sitzen.«

Katja Matthes

Frau Matthes, wie sind Sie zum Meer gekommen?
Ursprünglich bin ich Physikerin und komme aus der Atmosphärenforschung. Zu Beginn hat mich insbesondere die Stratosphäre interessiert, die 20 bis 50 Kilometer über der Erdoberfläche liegt. Ich habe mich mit natürlichen Klimaschwankungen über Zeiträume von etwa zehn Jahren beschäftigt. Dabei merkte ich, dass der Ozean eine zentrale Rolle spielt für das Klima. Im Kampf gegen den Klimawandel ist er unser wichtigster Verbündeter.

Gab es schon früher eine besondere Verbindung zum Meer?
Privat war das Wasser immer wichtig für mich. Ich bin in West-Berlin aufgewachsen und war als Kind Leistungsschwimmerin. Das Meer war für mich immer ein Sehnsuchtsort, gerade weil ich aus der Großstadt komme. Bis heute genieße ich den Horizont, die Weite, und finde dort Entspannung.

Wann war Ihre erste Forschungsfahrt auf See?
Erst letztes Jahr, also 2024! In meiner Zeit als Professorin am Geomar habe ich mich vor allem mit Klimamodellen beschäftigt. Als Direktorin wollte ich unbedingt an einer Expedition teilnehmen. Wir waren mit dem Forschungsschiff Meteor im Mittelmeer vor Sizilien und haben den Ätna unter Wasser vermessen. Ich habe das große AUV Abyss, unser autonomes Unterwasserfahrzeug, in Aktion gesehen und selbst gesteuert. Es war faszinierend, den Meeresboden zu kartieren, Sedimentproben zu nehmen und das Schiff von der Küche bis zur Brücke kennenzulernen.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus der Forschung?
Ein besonderer Moment war, als wir zeigen konnten, dass es einen Zusammenhang zwischen Sonnenflecken und der nordatlantischen Oszillation gibt, den Luftdruckunterschieden über dem Atlantik auf Höhe der Azoren und von Island, die wiederum Winde, Temperaturen und Niederschlag in Europa beeinflussen. Das war ein Aha-Erlebnis, weil es zeigt, dass die natürliche Variabilität der Sonne und der Ozean gekoppelt sind und sich dies auf unser Klima auswirkt. Um den menschengemachten Klimawandel besser zu verstehen, müssen wir diese natürlichen Schwankungen kennen.

Sie leiten ein großes Institut. Wie ist das, wenn man selbst kaum noch forscht?
Das war eine bewusste Entscheidung. Wenn man von der Forschung ins Wissenschaftsmanagement wechselt, bleibt für eigene Forschung kaum noch Zeit. Meine Aufgabe ist es, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen, damit andere forschen können. Gleichzeitig kann ich mehr bewegen und den Dialog mit Politik und internationalen Partnern führen.

Sie sind die erste Direktorin des Geomar. Sehen Sie sich als Vorbild?
Ich denke schon, auch wenn ich mich nicht immer so verstanden habe. Ich bin die erste Direktorin des Geomar in Kiel, seit das Institut 1937 gegründet wurde, und hoffe, dass ich nicht die Einzige bleibe. Wir haben in den letzten Jahren viel verändert, etwa den Anteil von Frauen in Führungspositionen systematisch erhöht – von 17 auf inzwischen 34 Prozent. Wir haben ein Women's Executive Board gegründet, um andere Frauen zu motivieren, Führungspositionen zu übernehmen.

Welche Hürden haben Sie als Wissenschaftlerin erlebt?
Am Anfang meiner Karriere hatte ich wenig Probleme, weil ich Mitglied einer Arbeitsgruppe war, die von der einzigen Meteorologie-Professorin Deutschlands geleitet wurde. Da gab es viele Frauen, auch aus aller Welt. Erst nach meiner Doktorarbeit habe ich gemerkt, dass es Netzwerke gibt, in die man als Frau nur schwer reinkommt. Ich hatte aber gute Mentoren, meist Männer, die mich ermutigt und bestärkt haben. Ich habe meinen Hut nicht immer selbst in den Ring geworfen, sondern wurde angesprochen. Frauen zögern häufiger, sich auf Positionen zu bewerben.

Sie sind dreifache Mutter. Wie klappte das mit der wissenschaftlichen Karriere?
Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt für Kinder. Ich habe meine erste Stelle in den USA hochschwanger angetreten. Dort war es viel selbstverständlicher, Familie und Karriere zu vereinbaren. In Deutschland war das schwieriger – allein einen Kindergarten zu finden, der nachmittags geöffnet hat! Ich erinnere mich an ein Bewerbungsgespräch, in dem ich gefragt wurde, wie ich das mit zwei kleinen Kindern machen wolle. Meine Antwort: Ich mache das genauso wie bisher, mit meinem Mann gemeinsam.

Sie sind oft umgezogen. Das war bestimmt nicht leicht.
Ursprünglich sind mein Mann und ich ohne Kinder mit vier Koffern in die USA gegangen. Drei Jahre später kamen wir zurück – mit zwei kleinen Kindern, sieben Koffern und zwei Paletten Luftfracht. Vor Ort in den USA sind wir sogar noch einmal umgezogen. Danach haben wir erst eine Zeit lang bei meinen Schwiegereltern gewohnt, dann ging es nach Berlin, dann nach Kleinmachnow, und schließlich an die Ostsee. Unser ältester Sohn ist in dieser Zeit sechsmal umgezogen. Einmal saßen wir beim Abendessen, und unsere Jüngste – sie kannte bis dato nur ihr Zuhause an der Ostsee – meinte ganz unbedarft: Es wäre doch schön, mal umzuziehen. Ihre beiden älteren Geschwister schrien gleichzeitig los: Nein! Nicht schon wieder!

Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben dachten?
Ja! Als wir aus den USA zurückkamen, hatte ich nur befristete Verträge, manchmal nur acht Wochen. Wir mussten überlegen, wann wir den Kindern neue Schuhe kaufen können, weil es finanziell eng war. Das sieht man meinem Lebenslauf vielleicht nicht unbedingt an, aber es war nicht immer einfach. 

Was ist Ihr wichtigstes Credo?
Man sollte tun, was einem Spaß macht. Ohne Leidenschaft kann man diesen Beruf nicht mit der nötigen Intensität betreiben. Wissenschaft läuft nun mal meist über Leistung und enge Taktung. Aber man sollte auch nicht vergessen, dass es ein Leben neben der Arbeit gibt. Die jüngere Generation achtet da deutlich stärker drauf. Es gibt auch mehr Männer, die in Elternzeit gehen, was ich unglaublich gut finde.

Was raten Sie jungen Frauen, die in die Wissenschaft gehen wollen?
Man braucht Leidenschaft für die Sache. Die Beschäftigungsverhältnisse sind oft unsicher, in der Wirtschaft sind die Gehälter deutlich höher. Aber wenn man für die Wissenschaft brennt, findet man einen Weg. Wichtig sind Vorbilder, Netzwerke und gezieltes Mentoring. Allerdings bin ich überzeugt, dass es Quoten braucht, damit sich wirklich etwas ändert.

Was treibt Sie heute an?
Mich fasziniert, wie sich die Prozesse im Ozean und in der Atmosphäre gegenseitig beeinflussen. Ich puzzle gern. Auch in der Forschung geht es darum, die Puzzleteile zusammenzusetzen und zu verstehen, wie das Klima funktioniert. Und ich will mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass wir Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit finden.

Für welche zum Beispiel?
Ich würde gern zehn Jahre in die Zukunft schauen und erfahren, ob wir das Meer tatsächlich als CO₂-Speicher für die schwer vermeidbaren Rest-Emissionen nutzen können, um die Klimaziele zu erreichen. Ich bin zuversichtlich: Wäre ich keine Optimistin, würde ich nicht hier sitzen.

Katja Matthes, geboren 1975 in Berlin, ist Direktorin des Geomar-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel und Professorin für Physik der Atmosphäre.