»Der Meeresboden ist wie ein Fenster in die Vergangenheit.«
Katharina Pahnke-May
Frau Pahnke-May, erinnern Sie sich an Ihren ersten Kontakt mit dem Meer?
Nicht wirklich. Ich bin in Schleswig-Holstein aufgewachsen, doch wir waren keine typische Strandfamilie. Es gab aber ein prägendes Erlebnis: Mit meinem Vater besuchte ich einen Vortrag über eine nachgestellte Forschungsfahrt mit einem Segelboot. Dieser Abenteuergeist packte mich. Ein Poster von diesem Boot hing in meinem Zimmer.
Was hat Sie daran so interessiert?
Besonders faszinierend finde ich, dass wir die Sedimente am Meeresboden nutzen können, um die Ozean- und Klimageschichte der Erde zu rekonstruieren.
Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten, welche Epoche würden Sie gerne erforschen?
Ich würde gerne die letzten Eiszeiten im Zeitraffer erleben – nicht nur einen einzelnen Moment, sondern den Wandel im Verlauf. In der Paläozeanografie gibt es immer das Henne-Ei-Problem: Was kam zuerst, Veränderungen im Ozean oder in der Atmosphäre? So könnte ich das nachvollziehen.
Hat sich Ihr persönlicher Bezug zum Meer durch Ihre Arbeit verändert?
Nein, ich verbinde noch immer Unermesslichkeit mit dem Meer und empfinde Ehrfurcht. Besonders beeindruckend ist das Gefühl, auf einem Forschungsschiff mitten auf dem Ozean zu sein, mit 4000 Metern Wasser unter mir. Da wird mir bewusst, wie klein wir sind. Angst habe ich dabei nicht – eher Gänsehaut. Angst hatte ich nur einmal, als ich 2022 nach der Geburt meiner Tochter das erste Mal wieder auf See war und wir in der Tasmanischen See von einem Sturm nach dem anderen heimgesucht wurden.
Wie erklären Sie einem Laien Ihre Forschung in wenigen Sätzen?
Wir untersuchen Spuren von Metallen im Ozean, um die Herkunft und Transportwege von Wassermassen zu bestimmen – heute und in der Vergangenheit. So können wir nachvollziehen, wie sich die Strömung im Klimageschehen verhalten hat.
Klingt sehr speziell.
Total, ist aber sehr ergiebig. In der Paläozeanografie liefern wir immer ein Mosaikstück zum großen Ganzen. Wir nehmen an bestimmten Punkten Wasserproben und holen Sedimentkerne vom Meeresboden, um zu schauen, wie sich die Bedingungen über Jahrtausende verändert haben.
Warum ist diese Forschung wichtig?
Sie ist essenziell für unser Verständnis des Klimas. Nur wenn wir wissen, wie sich Klima und Ozean auf natürliche Weise verändert und beeinflusst haben, können wir abschätzen, was auf uns zukommt.
Gab es in Ihrer Laufbahn einen besonderen Aha-Moment?
Es gab nicht den einen großen Durchbruch, sondern immer wieder kleine Aha-Momente. Besonders während meiner Doktorarbeit: Ich habe einen Sedimentkern aus dem Südpazifik vor Neuseeland durchgemessen und Veränderungen in der Zwischenwasserströmung entdeckt, die vorher nicht bekannt waren. Das führte mich zu der Frage, wie sich diese Strömung an weiter entfernten, empfindlicheren Stellen auswirkt. Es ist Detektivarbeit.
Wie oft sind Sie heute noch selbst auf Expeditionen unterwegs?
Nicht mehr so oft wie früher – ich habe eine Tochter und möchte die Zeit mit ihr verbringen.
Sie haben an vielen Orten auf der Welt gelebt und geforscht.
Ja, und jeder Ortswechsel war ein Abenteuer. Nach meinem Geologiestudium in Göttingen und Kiel und der Promotion an der Cardiff University in Wales wechselte ich in die USA, zunächst ans MIT, das Massachusetts Institute of Technology, dann ans Lamont Doherty Earth Observatory der Columbia University in New York. Später habe ich mehrere Jahre auf Hawaii geforscht, bevor ich schließlich nach Oldenburg gezogen bin.
War das nicht manchmal schwierig für Beziehungen und Freundschaften?
Das war ein richtiges Wanderleben, und ich habe es voll ausgekostet. Ich war in dieser Zeit meist nicht fest gebunden oder die Umzüge haben gut gepasst. Das hat mir große Freiheit geschenkt. Ich konnte Chancen ergreifen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen, mich ganz auf meine Neugier und neue Herausforderungen einlassen. Einen Karriereplan hatte ich nicht, sondern habe einfach versucht, so weit wie möglich zu kommen, ohne mich zu sehr festzulegen. Das versuche ich auch meinen jungen Kolleginnen und Kollegen zu vermitteln: Dinge tun, die Spaß machen und ruhig mal Risiken eingehen. Vor allem aber, nicht auf eine Karriere in der Wissenschaft fixiert zu sein und wenn es nicht klappt, dies nicht als Scheitern zu verstehen.
Wie haben Sie das Wissenschaftssystem als Frau erlebt?
Ich hatte nie das Gefühl, als Frau größere Hürden bewältigen zu müssen als Männer – bis auf eine Ausnahme: Als ich vor drei Jahren erstmals eine längere Forschungsfahrt geleitet habe, hatte ich das Gefühl, dass es für Frauen schwieriger ist, von der Schiffsmannschaft anerkannt zu werden. Ansonsten habe ich Konflikte nie auf mein Geschlecht bezogen.
Warum gibt es dennoch weniger Frauen in der Meeresforschung?
Der Karriereweg in der Wissenschaft ist in Deutschland schwer planbar. Viele Frauen trauen sich das weniger zu oder sind unsicher, ob sie es schaffen und mit der Familie vereinbaren können. Männer sind da oft zuversichtlicher. Aber ich finde es wichtig, dass Frauen sich nicht männliche Verhaltensweisen aneignen müssen – ein selbstbewusstes Auftreten hilft schon.
Wie haben Sie die Vereinbarkeit von Familie und Forschung erlebt?
Bei mir kam das Kind spät in der Karriere. Es gab keinen Knick in meiner Laufbahn, aber ein Umdenken. Ich musste lernen, mit dem Gefühl umzugehen, nie beiden Seiten voll gerecht zu werden. Wichtig ist, Frieden mit sich selbst zu schließen und Unterstützung vom Partner zu haben. Mein Kind leidet nicht, wenn es im Ganztag ist – entscheidend ist die Zeit, die wir bewusst gemeinsam verbringen.
Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben gedacht haben?
Ja, besonders anfangs am MIT, als ich mit meinem Betreuer Schwierigkeiten hatte. Es gab eine Zeit, da habe ich mich gefragt, ob man die Ellenbogen ausfahren und weniger kollegial sein muss, um in der Forschung gegen die vielen großen Egos zu bestehen. Ich habe mich dagegen entschieden und bin mir selbst treu geblieben – das war genau richtig.
Was ist eine Lehre aus Ihrer Laufbahn?
Spaß und Neugier sind das Wichtigste. Wenn man sich das bewahrt, kann man auch weiterkommen. Und: Man sollte sich Freunde suchen, mit denen man zusammenarbeitet. Das ist oft wichtiger als alles andere.
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Katharina Pahnke-May, geboren 1975 in Kiel, ist Professorin für Marine Isotopengeochemie am Institut für Chemie und Biologie des Meeres an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.