»Diese eine Frage lässt mich einfach nicht los.«

Jin-Song von Storch

Frau von Storch, wie sind Sie zur Meeresforschung gekommen?
Zunächst nicht freiwillig. Als ich fast 20 Jahre alt war, begann mein Heimatland China, sich ein wenig zu öffnen. Ich erhielt ein Stipendium, das ganz klar festlegte: Du gehst nach Hamburg, lernst Deutsch und studierst Ozeanografie. Keine Diskussion. Anfangs war ich wenig begeistert, weil ich eigentlich Physik studieren wollte.

Wie war es für Sie, nach Deutschland zu kommen?
Aufregend, aber auch ungewohnt. Am meisten war ich überrascht darüber, dass ich selbst bestimmen musste, welche Kurse ich belegte und wann ich zur Prüfung ging.

Sie befassen sich mit der Physik des Klimasystems und des Ozeans. Wie hat sich das ergeben?
Über Umwege. Auf meiner ersten Fahrt auf einem Forschungsschiff wurde mir schlecht. Da dachte ich wirklich, ich müsste meine Karriere anderswo suchen. Ich beschäftigte mich danach mit Meteorologie und Klimatologie und promovierte in diesen Fächern. Doch dann bekam ich einen Job am Max-Planck-Institut für Meteorologie in der damaligen Abteilung Ozean im Erdsystem angeboten. Ich war fasziniert von einigen grundlegenden Thesen zum System Ozean, deren vollständige Absicherung bis heute nicht ganz gelungen war, und versuchte, mich in die Materie einzuarbeiten.  Später entwickelte ich meinen eigenen Blick und begann, das Meer und die Atmosphäre als physikalische Systeme zu betrachten. So fand ich meinen Zugang. Heute bin ich darüber sehr froh.

Wie erklären Sie Ihre Arbeit jemandem, der keine Vorkenntnisse hat?
Ich mache Experimente mit Computermodellen, um den Ozean besser zu verstehen. Dabei simulieren wir verschiedene Szenarien, in denen wir gezielt äußere Bedingungen verändern, etwa die Windstärke an der Meeresoberfläche oder die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre, und beobachten, wie das Meer darauf reagiert. Das klingt einfach, aber jedes Modell hat Grenzen. Es ist eine enorme Herausforderung, die Ergebnisse korrekt zu interpretieren. Wir müssen immer wieder hinterfragen, ob sie die Realität abbilden oder eine Schwäche oder eine Besonderheit des Modells sind.

Warum ist das wichtig?
Ganz einfach: Um herauszufinden, wie die Welt funktioniert.

Was fasziniert Sie am meisten am Ozean?
Dass er so unglaublich komplex ist und viele Freiheitsgrade hat. Er reagiert auf vielfältige äußere Einflüsse wie Wind, Temperatur oder den Anstieg des CO₂-Gehalts. Diese Reaktionen sind enorm schwierig vorherzusagen, weil das Meer als physikalisches System verschiedene Skalen aufweist. Es gibt großräumige Strömungen, die Tausende Kilometer umfassen, und gleichzeitig existieren kleinräumige Turbulenzen, die nur wenige Meter messen. Diese Bandbreite an unterschiedlichen Prozessen macht meine Arbeit anspruchsvoll und äußerst spannend.

Was war Ihre bislang bedeutendste Entdeckung?
Vor etwa 20 Jahren stieß ich auf ein ungewöhnliches Phänomen: eine unerklärliche Unstimmigkeit zwischen Drehimpuls und Drehmoment der Atmosphäre, die ähnlich wie Impuls und Kraft zueinander stehen müssen. Zunächst glaubte ich, dies sei ein Fehler in meinem Modell, aber ich fand Hinweise darauf, dass es sich schlicht um Chaos handelt, puren Zufall also. Einen Zufall, den die Atmosphäre selbst hervorbringt, obwohl sie an sich deterministisch ist. Ich konnte zwar meine Entdeckung in einer meteorologischen Zeitschrift publizieren, scheiterte aber, als ich das Problem verallgemeinern und in einem physikalischen Journal veröffentlichen wollte.

Warum?
Ich konnte sie nicht genügend belegen. Das hat mich ziemlich entmutigt. Aber es lehrte mich, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur zu behaupten, sondern auch zu beweisen. Mit der Zeit lernte ich, hartnäckig und geduldig zu sein. Lange ließ ich das Thema ruhen. Erst während der Pandemie fand ich wieder die Zeit, mich erneut damit zu beschäftigen. 

Kommen Sie der Lösung heute näher?
Jeden Morgen beschäftige ich mich zwei Stunden mit dem Problem. Ich kann schlecht abschalten. Es lässt mich einfach nicht los. Ich bin davon überzeugt, dass sowohl die Atmosphäre als auch der Ozean inhärent chaotisch und zufällig sind. Warum und wie geschieht dies? Ich würde mir wünschen, mehr Zeit und Ressourcen zu haben, um diese Frage abschließend zu beantworten.

Was bedeutet Ihnen das Meer persönlich?
Das Meer hat für mich vor allem eine wissenschaftliche Bedeutung. Es ist weniger ein Sehnsuchtsort, sondern ein Rätsel, das ich unbedingt entschlüsseln möchte. 

Sind Sie in Ihrer Karriere als Frau auf besondere Hindernisse gestoßen?
Direkte Diskriminierung oder offensichtliche Benachteiligungen habe ich persönlich eher weniger erlebt. Allerdings begegnete ich häufig Skepsis, wenn ich neue oder interdisziplinäre Ideen präsentierte. Insbesondere bei physikalischen Fachgruppen bemerkte ich manchmal, dass meine Vorschläge als Nicht-Physikerin nicht sofort ernst genommen wurden. Doch ob dies auf mein Geschlecht oder auf meinen ungewöhnlichen Ansatz zurückzuführen war, lässt sich nicht eindeutig sagen. Generell gilt: Je stärker man Bestehendes in Frage stellt, desto härter muss man um Anerkennung kämpfen.

Was sollte die Öffentlichkeit unbedingt über den Ozean erfahren?
Der Ozean ist ein komplexes System, das enorm wichtig für unser Klima und unser Ökosystem ist.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen mitgeben, die in die Forschung gehen wollen?
Bleiben Sie neugierig, hinterfragen Sie bestehende Theorien und seien Sie mutig genug, eigene Wege zu gehen. Forschende sollten den Mut zur Erneuerung haben und die Bereitschaft, Widerstände zu überwinden. Aus Rückschlägen entstehen oft die besten Ideen und größten Durchbrüche.

Prof. Jin-Song von Storch, geboren 1961 in Peking, ist stellvertretende Direktorin der Abteilung Klimavariabilität und leitet die Arbeitsgruppe Energetik des Klimas am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.