Meilensteine: Pionierinnen der Meeresforschung
In der Geschichte der Ozeanografie haben Frauen grundlegendes Wissen geliefert. Ihre Fähigkeiten und Erkenntnisse wurden oft erst spät anerkannt:
1766
Die französische Botanikerin Jeanne Baret umsegelt als vermutlich erste Frau die Welt. Als Mann verkleidet nimmt sie von 1766 bis 1769 an der Expedition des Offiziers Louis Antoine de Bougainville teil und sammelt mit Philibert Commerson tausende Pflanzenarten, darunter zahlreiche maritime Arten. Besonders bekannt ist die von ihr entdeckte Drillingsblume Bougainvillea in Brasilien. Den Ruhm erntete jedoch der Offizier.
1832
Jeanne Villepreux-Power entwickelt das erste wissenschaftliche Aquarium, das es ermöglicht, Meerestiere unter kontrollierten Bedingungen zu beobachten.
Botanikerin Jeanne Baret, 1816.
Mutmaßliche Darstellung von Jeanne Villepreux-Power.
1856
Eunice Newton Foote weist als Erste experimentell nach, dass eine Atmosphäre mit einem hohen Anteil an Kohlenstoffdioxid wärmer ist als normale Luft. Aufbauend auf Joseph Fouriers Theorien schließt die US-Forscherin daraus, dass ein erhöhter CO₂-Gehalt zur Erderwärmung führt. Ihre Ergebnisse wurden auf einer Tagung vorgestellt – nicht von ihr selbst, da Frauen dies nicht erlaubt war. Erst im 21. Jahrhundert wird ihr Beitrag anerkannt.
1949
Die österreichische Tauchpionierin Lotte Hass nimmt als eine der ersten Frauen an Unterwasserexpeditionen teil. Sie wirkt in den Filmen ihres Mannes und Zoologen Hans Hass als Model und Schauspielerin mit und filmt auch selbst. Medien bezeichneten sie als „Pin-up-Girl“. Erst im Jahr 2000 wurde sie als erste Europäerin in die Women Divers Hall of Fame aufgenommen.
1952
Marie Tharp entdeckt bei der Auswertung von Echolotdaten den zentralen Grabenbruch des Mittelatlantischen Rückens. Daraufhin erstellt die US-Geologin gemeinsam mit Bruce Heezen die erste detaillierte Karte dieses Gebirges und liefert Belege für die Plattentektonik. Ihre Erkenntnisse wurden zunächst als „Girl Talk“ abgetan.
Taucherin Lotte Hass mit ihrer Unterwasserkamera. © Hans Hass Archiv
Mary Tharp an einer ihrer Karten vom Meeresboden. © Lamont-Doherty Earth Observatory and the estate of Marie Tharp
1955
Die japanische Geochemikerin Katsuko Saruhashi entwickelt eine Methode zur Messung von Kohlendioxid im Meerwasser. Später untersucht sie die radioaktive Verschmutzung des Pazifiks nach US-Atombombentests am Bikini-Atoll. 1980 wird sie als erste Frau in den japanischen Wissenschaftsrat gewählt. Ihre Forschung trägt zum internationalen Verbot oberirdischer Atomtests bei.
1956
Die russische Meeresgeologin Maria Wassiljewna Klenova nimmt als eine der ersten Frauen an einer sowjetischen Antarktisexpedition teil und ist an wichtigen Forschungsarbeiten beteiligt.
1963
Simone Melchior ist indirekt an der Entwicklung der ersten autonomen Tauchausrüstung beteiligt. Sie lebt und arbeitet als einzige Frau unter den „Aquanauten“ im Unterwasserhabitat während des Projekts Conshelf II ihres Ehemanns Jacques-Yves Cousteau. Melchior gilt als inoffizielle Kapitänin der Calypso, des Forschungsschiffes des berühmten Dokumentarfilmers.
Meeresbiologin Cindy Lee Van Dover neben Tiefsee-U-Boot Alvin.
© Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI)
1969
Lois M. Jones leitet das erste weibliche Wissenschaftsteam, das im Rahmen des US Antarctic Research Program in die Antarktis entsandt wurde. Gemeinsam mit drei Kolleginnen forscht sie in den McMurdo Dry Valleys.
1970
Sylvia Earle, später „Her Deepness“ genannt, leitet ein Frauenteam, das im Unterwasserhabitat Tektite II vor den Jungferninseln lebt. Von der Presse als „Aqua Babes“ bezeichnet, verbringen Earle und ihre Kolleginnen zwei Wochen in etwa 15 Metern Tiefe. Später wird sie die erste Chef-Wissenschaftlerin der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und gründet die Meeresschutz-Initiative Mission Blue.
1974
Eugenie Lisitzin veröffentlicht mit Sea-Level Changes ein Standardwerk zu Meeresspiegelschwankungen.
Sylvia Earle bei letzten Vorbereitungen vor einem Tauchgang in einem Spezialanzug. © OAR/National Undersea Research Program (NURP) / Public domain
Syliva Earle zeigt einer Kollegin im Unterwasser-Habitat Tektite II eine Probe. © OAR/National Undersea Research Program (NURP) / Public domain
Die Aquanautinnen in Tektite II , 1970.
© OAR/National Undersea Research Program-NURP
1990
Die Meeresbiologin Cindy Lee Van Dover wird die erste und bis heute einzige Pilotin des US-amerikanischen Tauchbootes Alvin. Es erreicht Tiefen von über 4000 Metern.
1995
Angelika Brandt wird mit 33 Professorin, leitet als erste Frau deutsche Tiefseeexpeditionen und erforscht die Artenvielfalt im Südpolarmeer. 2024 erhält sie als erste deutsche Wissenschaftlerin den „International Prize for Biology“.
2005
Lisa Levin organisiert internationale Projekte zur Untersuchung von Tiefsee-Ökosystemen mit. Sie erforscht die Folgen des Tiefseebergbaus, Grundlage für internationale Schutzmaßnahmen.
Tiefseeforscherin Angelika Brandt auf Expedition. © Thomas Walter
2008
Asha de Vos gründet das Sri Lankan Blue Whale Project, die erste Langzeitstudie zu Blauwalen im nördlichen Indischen Ozean. Sie ist die erste Sri-Lankerin mit einem Doktor in Meeresbiologie.
2009
Miriam Goldstein leitet als Chief Scientist die Scripps Environmental Accumulation of Plastic Expedition (SEAPLEX). Ihr Team untersucht die Ausbreitung und Folgen von Plastikmüll im Nordpazifik, insbesondere im Great Pacific Garbage Patch, einem riesigen Müllstrudel.
2016
Das EU-Projekt Baltic Gender startet: Maßgeblich koordiniert von Katja Matthes vom GEOMAR in Kiel, soll es Geschlechtergerechtigkeit in den Meereswissenschaften fördern. Acht Institute aus fünf Ostsee-Anrainerstaaten entwickeln gemeinsam Gleichstellungspläne, Mentoring-Programme und Maßnahmen gegen unbewusste Vorurteile.
Asha de Vos, Sri Lanka. © private photo
Wissenschaftlerin und Meeresschützerin Miriam Goldstein.
© private photo
Antje Boetius als leitende Wissenschaftlerin der Arc-Watch-1-Expedition im Arktischen Ozean. © Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath
2017
Antje Boetius wird nach Karin Lochte Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Unter ihrer Leitung koordiniert das AWI die größte Arktisexpedition der Geschichte, MOSAiC. Im Jahr 2025 wechselt sie als Präsidentin zum Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) in Kalifornien.
2019
Jeanette Davis entdeckt mit ihrem Team ein Meeresbakterium, das einen potenziellen Wirkstoff gegen Krebs produziert. Neben ihrer Forschung engagiert sich die US-Meeresmikrobiologin für Diversität und Chancengleichheit.
2025
Tatiana Ilyina erhält als sechste Frau die Nansen-Medaille, eine der höchsten Ehrungen in der Meeresforschung. Seit sie 1996 ins Leben gerufen wurde, erhielten sie 19 Männer.